Warum „brav sein“ nicht reicht (Teil 2) – und bloßer Gehorsam keine Lösung ist

Warum „brav sein“ nicht reicht - Der Welpenkompass von Nadine Liebert

Viele Hundemenschen wünschen sich, dass ihr Hund „brav“ ist: ruhig sitzt, an lockerer Leine läuft oder Kommandos befolgt. Doch bloßer Gehorsam ist nicht das Ziel.

Es fehlt die Kompetenz zur Bewältigung des Alltags. Bloßer Gehorsam reduziert den Hund auf Funktion und vernachlässigt seine Gefühle, Bedürfnisse und die Regulation von Stress. Ein Hund, der nicht gelernt hat, dass seine Bedürfnisse gesehen werden, der keine Sicherheit erfährt und sich nicht selbst regulieren kann – dem fehlt die Grundlage für ein ausgeglichenes, selbstbewusstes Miteinander. Uns Menschen sollte das bekannt vorkommen, geht es uns doch genauso.


Warum „brav sein“ nicht reicht - Der Welpenkompass von Nadine Liebert

Für den Hund bedeutet das:
eigene Impulse unterdrücken, Unsicherheit oder Aufregung verbergen und in Situationen „funktionieren“, in denen er innerlich angespannt sein könnte. Gefühle, Bedürfnisse und Stress werden dabei oft ignoriert.
Für uns Menschen bedeutet es:
ständig kontrollieren, korrigieren und durchsetzen – ein energie- und aufmerksamkeitsintensiver Prozess. Oft wundern wir uns dann, dass der Hund immer schwerer zur Ruhe kommt, in der Pubertät sein Verhalten intensiver wird und wir selbst immer stärker „gegenhalten“ müssen. Zusätzlich können stressbedingte Beschwerden entstehen. So entsteht leicht ein Miteinander, das sich mehr nach Gegeneinander als nach Verbundenheit anfühlt.
Das Ergebnis:
Ein Miteinander, das äußerlich korrekt wirkt, innerlich aber oft angespannt bleibt. Echte Bindung, Sicherheit und Selbstvertrauen entstehen erst, wenn der Mensch versteht, was passiert, und lernt, seinen Hund sicher, begleitet und unterstützt zu führen.

Ein sicherer Hund…

Ein sicherer Hund ist emotional stabil und kann seine Erfahrungen selbstbewusst nutzen.

  • kann Stress und Aufregung selbst regulieren und kommt gut zur Ruhe
  • kann aus Erfahrungen lernen, ist selbstwirksam und entwickelt dadurch Selbstvertrauen
  • meistert neue Herausforderungen
  • entwickelt eine sichere Bindung

Warum „brav sein“ nicht ausreicht

Nur weil ein Hund äußerlich „brav“ wirkt, heißt das nicht, dass er innerlich stabil ist. Diese Klarstellung ist wichtig, bevor wir über wohlwollende Führung sprechen:

  • Sichtbares Verhalten ≠ innere Stabilität
  • Gehorsam schafft keine Bindung
  • Sicherheit ist die Grundlage für Vertrauen und ein entspanntes Leben

Wohlwollende Führung – klar, sicher und begleitet

Wohlwollende Führung bedeutet nicht, durchzusetzen, was du willst, sondern zu erkennen, was dein Hund gerade braucht – und ihn dabei sicher zu begleiten und nötigenfalls zu unterstützen, damit er die Aufgabe leisten kann.

Wohlwollende Führung heißt:

  • vorausschauend handeln
  • Stress und Unsicherheit erkennen und einschätzen
  • ruhig bleiben, wenn dein Hund es (noch) nicht kann
  • Verantwortung übernehmen, ohne zu überfordern
  • Grenzen bieten und Leitplanken setzen, den sicheren Rahmen gewährleisten
  • Entscheidungen treffen, die beiden guttut

Es geht nicht um Lautstärke, Härte oder Dominanz, sondern um Kompetenz, Klarheit und Verlässlichkeit – durch dein Vorbild.

📖 Tipp: In meinem Buch DER WELPENKOMPASS wird das Thema Wohlwollende Führung ausführlich erklärt – und das gilt nicht nur für Welpenstarter! Eine absolute Herzensempfehlung für alle Hundemenschen, die ihre Beziehung zum Hund tiefgehend stärken möchten.

Praxisbeispiel: Der Unterschied zwischen Kontrolle und Führung

Das Praxisbeispiel macht sichtbar, wie sich unterschiedliche Herangehensweisen auf den Hund auswirken – und warum Wohlwollende Führung so effektiv ist.

Der laute, ängstigende Müllwagen

Kontrolle: Ziehen, schieben, weitergehen – „Da musst der Hund durch!“

Wohlwollende Führung:

  • ruhig und bei sich bleiben
  • Tempo anpassen
  • gegebenenfalls Hund beobachten lassen
  • den Hund unaufgeregt auf die vom Reiz abgewandte Seite nehmen
  • an dem Reiz vorbeigehen (bitte nicht eilig vorbeiflüchten)

Er lernt: „So ist es machbar. Ich bin sicher. Mein Mensch denkt mit.“
Dieses Prinzip erkläre ich ausführlich im WELPENKOMPASS.

Reflexionsfragen für Hundemenschen

Diese Fragen helfen dir, deinen eigenen Umgang mit dem Hund kritisch zu betrachten und echte Führung von bloßer Kontrolle zu unterscheiden:

  • Begleitest und führst du deinen Hund– oder kontrollierst du ihn nur?
  • Bist du in schwierigen Momenten ein Vorbild- präsent und souverän?
  • Gibst du Orientierung, ohne Druck auszuüben?
  • Sind deine Regeln klar, sinnvoll und altersgerecht?
  • Welche Situationen vermitteln deinem Hund wirklich Sicherheit?

Eigenschaften wohlwollender Führung & Begleitung

Beides zeigt sich in der Haltung und in der Art, wie Entscheidungen getroffen werden.

  • faires, verantwortungsbewusstes Auftreten
  • emotionale Stabilität
  • klare, ruhige Kommunikation
  • vorausschauendes Handeln
  • echte Achtsamkeit für Bedürfnisse
  • fehlerfreundliches, lösungsorientiertes Denken
  • Verlässlichkeit
  • Kompetenz & Präsenz

Praxis-Tipps für echte Verbundenheit

Diese Tipps helfen, die Bindung zu stärken und ein sicheres, entspanntes Miteinander zu fördern:

  1. Beobachte bewusst: Achte auf Körpersprache, Blickkontakt, Ohren, Schwanz, Atmung.
  2. Gib Orientierung, nicht Zwang: Sei klar, ruhig, vorhersehbar – das schafft Sicherheit.
  3. Lass Erfahrungen zu: Fehler sind Lernmomente, keine Störungen.
  4. Bleib präsent: Dein Hund spürt sofort, ob du innerlich bei ihm bist.
  5. Reflektiere dich selbst: Deine Haltung beeinflusst sein Verhalten maßgeblich.

Kurz gesagt: „Brav sein“ allein reicht nicht. Echte Verbundenheit entsteht, wenn du Sicherheit, Orientierung und Klarheit gibst. Dein Hund lernt dadurch, selbstbewusst und gelassen zu agieren, während eure Beziehung auf Vertrauen, Verständnis und Respekt basiert.

Lies mehr in meiner Blogreihe:

Warum „brav sein“ nicht reicht (Teil 1)

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