Die Entscheidung für einen Welpen verändert den Alltag in jeder Familie grundlegend. In neurodivergenten Familien – also Familien, in denen ein oder mehrere Mitglieder beispielsweise ADHS, Autismus oder andere neurodivergente Profile haben – wirken diese Veränderungen oft noch intensiver. Nicht, weil das Zusammenleben an sich „schwieriger“ wäre, sondern weil die Wahrnehmung von Reizen, die Verarbeitung von Informationen und die emotionale Regulation anders funktioniert.
Ein Welpe bringt Bewegung, Geräusche, Unterbrechungen, Nähebedarf und Unvorhersehbarkeiten mit. Ziel dieses Artikels ist es, Orientierung und Impulse zu geben, damit der Start mit einem Welpen für alle Beteiligten tragfähig, strukturiert und zugewandt gestaltet werden kann.

Neurodivergenz ist kein Risiko – fehlende Anpassung schon
Neurodivergente Familien bringen viele Ressourcen mit: Beobachtungsgabe, Empathie, Kreativität und Verantwortungsbewusstsein. Problematisch wird es selten durch die Neurodivergenz selbst, sondern dann, wenn ein Welpe nach neurotypischen Standards integriert werden soll.
Ein Welpe folgt der Sicherheit und Struktur seiner Bezugspersonen. Ein Mensch, der emotional reguliert ist, vermittelt dem Welpen Halt und Orientierung.
Bindung, Kompass und Lerngeschenk
Bindung, Orientierung und gesunde Grenzen bilden das Fundament – nicht Technik oder stures „Richtigmachen“.
Vorteile eines sicheren Bindungsstils:
- Stressregulation: Weniger Überreaktionen, schnelleres Beruhigen.
- Resilienz: Besserer Umgang mit neuen Situationen und Reizen.
- Mentale Gesundheit: Positiver Einfluss auf das emotionale Wohlbefinden von Welpe und Familie.
Lerngeschenk:
Ein Welpe konfrontiert direkt mit Gefühlen, lädt zur Selbstreflexion ein und zeigt, wie eigene Regulation, Klarheit und Präsenz wirken. Aus dem Zusammenleben kann etwas entstehen, das nicht perfekt, aber sicher, verbindlich und tragfähig ist.
Praxis-Tipps für den Start
1. Erwartungen bewusst herunterfahren
Viele starten mit innerem Druck: „Wir müssen alles richtig machen“, „Der Welpe darf keine Fehler machen“, „Andere schaffen das doch auch“.
Gerade neurodivergente Erwachsene kennen diesen inneren Anspruch aus vielen Lebensbereichen. Das führt oft zu Stress, der die Beziehung zum Welpen und den Familienalltag belastet. Ein Welpe lernt nicht linear – Fortschritte und Rückschritte gehören zusammen. Ein Welpe wächst Schritt für Schritt, genauso wie die Familie.
2. Reizmanagement ernst nehmen
Rückzugsorte von Anfang an einplanen: Schlafplatz, Ruhezeiten, Kaumaterialien. Entlastung für Menschen: Kopfhörer, Raumtrenner, ungestörte Bereiche. Welpen sind neugierig, aktiv und reagieren sensibel auf Reize. Ein strukturierter Raum und klare Rückzugsmöglichkeiten verhindern Überreizung und unterstützen die emotionale Regulation – für Hund und Menschen gleichermaßen.
Ein gut regulierter Alltag ist die Grundlage für ein stressarmes Zusammenleben.
3. Klare Zuständigkeiten
Primäre Bezugsperson definieren, Aufgaben klar kommunizieren und dokumentieren, Vertretungen vereinbaren.
Wenn jede Person im Haushalt weiß, wer für was zuständig ist, entstehen Sicherheit und Orientierung. Das reduziert Unsicherheit, Doppelarbeit und Stress, und gibt dem Welpen verlässliche Bezugspunkte.
Klare Zuständigkeiten entlasten die Familie, schaffen Sicherheit und Orientierung.
4. Wenige, tragfähige Regeln
Wo darf der Welpe schlafen? Wie reagieren wir auf Anspringen/Beißen? Wann braucht er Ruhe?
Wenige, klar verständliche Regeln sind leichter umzusetzen. Sie schaffen Orientierung, verhindern Verwirrung und geben sowohl Welpe als auch Familie einen sicheren Rahmen, ohne dass der Alltag überreglementiert wird. Idealerweise werden die Regeln im Familienrat gemeinsam besprochen und beschlossen, sodass sie von allen Beteiligten mitgetragen werden und jeder versteht, warum sie gelten.
Weniger, klare Regeln sind besser als viele komplizierte Regeln.
5. Rituale statt starre Zeitpläne
Beispiel: „Nach dem Aufstehen gehen wir raus“ statt fester Uhrzeit.
Rituale ersetzen starre Uhrzeiten und schaffen Vorhersagbarkeit. Für neurodivergente Familien sind sie besonders wertvoll, weil sie Entscheidungen abnehmen, Routine stabilisieren und Stress reduzieren.
Rituale geben Sicherheit und Struktur, ohne Druck.
6. Emotionale Regulation geht vor Erziehung
Eltern sind bereits als erwachsene Bindungspartner im Familienalltag herausgefordert, zusätzlich kommt die Erziehungsarbeit eines Welpen hinzu – deshalb ist es besonders wichtig, Priorität auf die Stärkung dieser Kompetenzen zu legen.
Eigene Stimmung beeinflusst den Welpen stark. Selbst kleine Spannungen übertragen sich sofort auf ihn und können unerwünschtes Verhalten auslösen.
Energieampel nutzen:
- Grün: Handlungsfähig, ausgeglichen, volle Verantwortung möglich – ideal für Training und Spiel.
- Gelb: Energie nimmt ab, Konzentration fällt schwerer, kleine Anpassungen und Pausen nötig.
- Rot: Überlastung – Verantwortung abgeben, Rückzug oder Hilfe nutzen.
Die Energieampel hilft, eigene Grenzen frühzeitig wahrzunehmen und Handlungen bewusst zu steuern, damit der Welpe Sicherheit spürt. Besonders hilfreich ist sie neben Selbstfürsorge und Reflexion, um die eigenen Ressourcen zu erkennen, Stress zu regulieren und gelassen zu bleiben.
Ein gut regulierter Mensch ist das beste „Trainingstool“ für den Welpen – Geduld, Klarheit und Gelassenheit wirken stärker als jede Methode.
7. Selbstfürsorge und Reflexion
Eigene Bedürfnisse ernstnehmen, Pausen planen, Stressverhalten beobachten. Der Welpe wird gleichzeitig zu einem Spiegel, der die eigene Regulation sichtbar macht.
Wer auf sich achtet, kann Verantwortung länger tragen und gelassener handeln. Der Welpe bietet eine Chance zur Selbstreflexion und zeigt, wo Anpassungen im Alltag hilfreich sind.
Selbstfürsorge ist die Grundlage, damit du handlungsfähig bleibst.
8. Erziehungsweg bewusst auswählen
Red Flags: Beschämung, starre Trainingskonzepte, Überforderung.
Hilfreich: Verständlich, individuell anpassbar, Bindung im Fokus.
Jede Familie sollte eigene Red Flags benennen und sich an ihrem inneren Wertekompass orientieren. So kann der Erziehungsweg bewusst ausgewählt werden, angepasst werden und langfristig zu weniger Stress, mehr Vertrauen und Sicherheit führen.
Weniger, passender Input ist oft hilfreicher als viel Wissen, das Druck erzeugt.
9. Fehlerfreundlichkeit
Fehler als Lernchance sehen, Flexibilität und offene Kommunikation fördern, auf kleine Fortschritte achten. Rückschläge und Fehler sind normal – sie ermöglichen Lernen, stärken Bindung und Motivation. Ein fehlerfreundliches Familiensystem reduziert Schuldgefühle und unterstützt nachhaltiges Lernen.
Rückschläge gehören zum Prozess – Welpe und Familie wachsen zusammen.
10. Der Welpe ist kein Regulator
Verantwortung für emotionale Sicherheit liegt bei den Erwachsenen, nicht beim Welpen. Keine emotionalen Erwartungen: Welpe ist kein Therapeut oder Konfliktlöser. Hunde können menschliche Konflikte nicht tragen. Wer Verantwortung bewusst übernimmt, schafft Sicherheit, Orientierung und ein gesundes Lernumfeld für den Welpen.
Ein Welpe folgt der emotionalen Führung der Erwachsenen. Sicherheit, Struktur und Orientierung ermöglichen gesundes Aufwachsen.
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