„Mach Platz. Bleib. Ruhe!“
Was in vielen Trainingssituationen selbstverständlich klingt, führt oft am Ziel vorbei. Denn Ruhe lässt sich nicht anordnen. Ruhe ist kein Stillsitzen auf Kommando – und nein, auch kein reines Deckentraining.

Sie hat nichts mit Unterordnung zu tun – sondern eher mit dem Gegenteil: mit Sicherheit.
Ein Hund, der sich sicher fühlt, kann sich entspannen. Ein Hund, der unsicher ist, muss wachsam bleiben. Ruhe bedeutet also nicht, dass der Hund sich still verhält, sondern dass sein Nervensystem zur Ruhe kommen darf – ganz so, wie bei uns Menschen. Nur wer sich sicher fühlt, kann loslassen. Und das gilt für alle Lebewesen.
Ruhe beginnt dort, wo Sicherheit entsteht
Sich sicher fühlen bedeutet:
- die Umgebung einschätzen zu können,
- Vertrauen in die Situation und in den Menschen an der Seite zu haben,
- zu wissen, was gleich passiert – oder dass nichts passieren muss,
- einen Rahmen zu erleben, der Orientierung gibt und gleichzeitig Geborgenheit vermittelt.
Diese Sicherheit ist die Grundlage für alles Lernen – und für echte Entspannung. Ein Hund, der innerlich angespannt ist, kann vielleicht „liegen bleiben“, aber er ruht nicht wirklich. Sein Körper ist da, sein Nervensystem bleibt in Bereitschaft. Ruhe ist also kein äußerer Zustand, sondern ein inneres Erleben.
Warum „Deckentraining“ allein keine Ruhe schafft
Natürlich kann eine Decke hilfreich sein – eine Einladung zum Ankommen, ein vertrauter Ort, ein Stück Struktur. Und ja – man kann bestimmte Rituale oder Signale so verknüpfen, dass sie dem Hund helfen, schneller in einen Zustand von Entspannung zu finden. So wie auch Kinder durch ein vertrautes Einschlafritual Sicherheit erleben. Aber:
Das Ritual ersetzt nicht das Gefühl
Es kann nur den Rahmen schaffen, in dem Ruhe überhaupt entstehen kann. Wenn der Hund gelernt hat, dass dort Sicherheit, Verlässlichkeit und Vertrautheit warten, wird die Decke zu einem Ruheanker. Wenn sie aber nur mit Erwartungsdruck, „Bleib“-Kommandos oder Kontrolle verknüpft ist, wird sie zum Prüfungsort statt zum Ruheort. Ruhe lässt sich also nicht erzwingen – aber man kann sie einladen.
Nervensystem statt Kommandos
Wenn wir über Ruhe sprechen, sprechen wir eigentlich über Selbstregulation. Das autonome Nervensystem steuert, ob Körper und Geist im Alarm- oder im Entspannungsmodus sind. Hunde – wie Menschen – können diesen Zustand nicht einfach umschalten. Kein Befehl der Welt bringt das Nervensystem in Entspannung. Was hilft, ist Co-Regulation: das beruhigende Zusammenspiel zweier Nervensysteme, in dem der Mensch durch Ruhe, Atem, Körperhaltung und Energie signalisiert: „Du bist sicher. Ich bin da. Du kannst loslassen.“ Diese Haltung ist es, die Sicherheit entstehen lässt – nicht das Kommando, nicht der Platz, nicht die Decke.
Sicherheit ist die Voraussetzung für Ruhe
Ruhe kann nur wachsen, wenn der Hund sich sicher fühlt. Wenn er verstanden hat, dass er nicht immer „funktionieren“ muss. Wenn er weiß, dass sein Mensch ihn wahrnimmt, begleitet und schützt. Ruhe bedeutet Vertrauen. Vertrauen bedeutet Sicherheit. Und Sicherheit ist die wichtigste Voraussetzung für Ruhe. Deshalb beginnt jedes Arbeiten an „Ruhe“ mit der Frage: Was braucht mein Hund, um sich sicher zu fühlen? Nicht: Wie bringe ich ihn dazu, liegen zu bleiben?
Gerade als Verhaltensberaterin (und Mutter) weiß ich, wie wichtig es ist, Gefühle zu begleiten und Regulation zu ermöglichen – bei Hunden wie bei Menschen. Denn wer lernt, Emotionen zu verstehen und ihnen Halt zu geben, schafft Entwicklung – auf beiden Seiten der Leine. Es ist unglaublich wertvoll, sich professionelle Begleitung zu holen, wenn man merkt, dass Ruhe schwerfällt oder Unsicherheit überwiegt. Nicht im Sinne von klassischem Hundetraining, sondern in der Begleitung, die die Mensch-Hund-Beziehung in den Mittelpunkt stellt. Dort, wo Vertrauen wächst, wird Ruhe möglich.
Fazit
Ruhe ist kein Ziel, sondern ein Zustand.
Ruhe findet nicht statt, wenn wir sie einfordern – sondern wenn wir sie ermöglichen. Sie entsteht, wenn Sicherheit spürbar wird, wenn Struktur Halt gibt, wenn Beziehung trägt. Ruhe ist keine Übung, sondern eine Qualität der Beziehung. Sie zeigt, wie sehr sich ein Hund sicher fühlt – und wie sehr wir selbst Ruhe in uns tragen. Denn Ruhe ist kein Ziel, das man erreicht. Sie ist ein Zustand, den man gemeinsam lernt.
Lies auch den ersten Teil dieser Reihe:
Ruhekompetenz – Warum Entspannung keine Übung, sondern Beziehungsarbeit ist
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